HNA Kassel: Kasseler Grimm-Handexemplare wohl Landeseigentum

In Kassel gingen die Brüder Grimm zur Schule und legten ab 1805 die Grundlagen ihres wissenschaftlichen Werkes. 1897 und 1942 wurden in Kassel Grimm-Gesellschaften gegründet. Die Landesbibliothek baute eine große Grimm-Sammlung auf. An diese Tradition knüpfte man 1959 mit der Gründung des Brüder Grimm-Museums an. Es soll zu einer touristisch orientierten "Grimm-Welt" ausgebaut werden. Seit 2012 besteht an der Universität Kassel eine Professur zur Grimm-Forschung.

HNA Kassel: Kasseler Grimm-Handexemplare wohl Landeseigentum

Beitragvon Bonoboche » Montag, 12. Februar 2007, 10:25

Am Sonnabend, dem 10. Februar, brachte die "Hessisch-Niedersächsische Allgemeine" folgenden Bericht über die aktuelle Konstellation im Streit um die unstimmigen Angaben der Brüder Grimm-Gesellschaft e. V. in ihrem Antrag an die UNESCO auf Registrierung der Kasseler Grimm-Handexeplare als Weltdokumentenerbe (2004):

Grimm und kein Ende?
Im Streit um die Handexemplare scheint das Land die Nase vorn zu haben


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Von der Unseco zum Weltdokumentenerbe erklärt: Der Leiter des Kasseler Brüder-Grimm-Museums, Dr. Bernhard Lauer, präsentiert die wertvollen Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm.

Von Dirk Schwarze

KASSEL. Möglicherweise hatte sich die Stadt zu früh gefreut, als ihr das eigene Rechtsamt bescheinigte, sie sei Eigentümerin der Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm. Vieles spricht dafür, dass die von der Unesco zum Weltdokumentenerbe erklärten Bände sowie andere Grimm-Bücher rechtmäßiges Eigentum des Landes und seiner Landesbibliothek sind, die heute Teil der Universitätsbibliothek Kassel ist.

Die Uni- und Bibliotheksleitungen waren immer davon ausgegangen, dass weder die Stadt noch die Brüder-Grimm-Gesellschaft oder das Brüder- Grimm-Museum über die Eigentumsrechte verfügten. Kompliziert ist, wie berichtet, die Sachlage dadurch, dass die Landesbibliothek 1957/58 der Stadt übertragen und 1976 wieder vom Land übernommen wurde.

Protokoll aus dem Jahr 1975

Unserer Redaktion liegt das Protokoll der Stadtverordnetensitzung vom 1. Dezember 1975 vor, in der der Vertrag über die Rücküberführung der Landesbibliothek an das Land beraten wurde. Als Berichterstatter erläuterte Dr. Wolfgang Ziegler die Inhalte. Wörtlich sagte er: "... bedeutet das, dass die Bücher, die bei Abschluss des Vertrages von 1957/58 Eigentum des Landes Hessen waren, wieder in das Eigentum des Landes zurückfallen." Das schließt demnach die Handexemplare sowie andere Grimm-Bücher ein, die ab 1959 aus der Landesbibliothek ins Grimm-Museum übernommen wurden.

Wie Annette Ulbricht von der Uni-Pressestelle erklärte, sieht die Universität ihre Rechtsposition durch das Protokoll bestätigt. Das Land und die Uni seien stets davon ausgegangen, dass die strittigen Grimm-Werke dem Land gehörten. Allerdings sei die Universität unabhängig von der Eigentumsfrage an einer guten Zusammenarbeit mit der Stadt und dem Brüder-Grimm-Museum interessiert. Außerdem begrüße sie, dass die Handexemplare als Weltdokumentenerbe der Unesco anerkannt worden seien.

Der Präsident der Grimm-Gesellschaft, Klaus Dieter Staubach, hatte in einer Stellungnahme gegenüber der HNA bemängelt, dass in dem Streit um die Bände das Verdienst, die Unesco-Anerkennung erlangt zu haben, völlig untergehe. Er bekannte sich aber auch dazu, dass die Eigentumsfrage schnell und abschließend geklärt werde.

Immerhin steht so viel fest: In dem aktuellen Eigentumsstreit spielt die Brüder-Grimm-Gesellschaft, die im Unesco-Antrag behauptet hatte, seit 1897 ohne Unterbrechung im Besitz der Handexemplare gewesen zu sein, keine Rolle. Sie kommt als Eigentümerin nicht infrage, obwohl sie sich in dem Antrag einmal zusammen mit dem Brüder-Grimm-Museum und einmal allein als "owner" (Eigentümer, Besitzer) bezeichnet hat. Ebenso wenig haltbar ist die Behauptung, dass die Brüder-Grimm-Gesellschaft alle Vervielfältigungsrechte ("all copyrights") besitze.

Insofern muss der Antrag an die Unesco auf jeden Fall geändert werden. In ihrer jüngsten Erklärung hat die Grimm-Gesellschaft zwar die (möglicherweise überholte) Position übernommen, dass die Stadt die Eigentümerin der Handexemplare sei, doch schreibt sie gleichzeitig, "die Frage von Eigentum und Besitz wurde im Antrag an die Unesco (...) kurz, aber korrekt dargestellt".

09.02.2007


http://www.hna.de/kasselstart/00_200702 ... _Ende.html
Bonoboche
 
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Minister Corts: Eigentümer der Handexemplare noch unklar

Beitragvon Berthold Friemel » Samstag, 24. März 2007, 16:56

Auf HanauOnline findet sich folgender Bericht, der aus der Sicht des Abgeordneten Aloys Lenz die Antwort des hessischen Wissenschaftsministers Udo Corts auf Lenz' Anfrage zum Eigentum an den Kasseler Handexemplaren der Grimmschen Märchen zusammenfaßt. Leider ist auch dieser Bericht von Fehlern behaftet; so ist z. B. die Angabe unzutreffend, daß die Handexemplare 1897 der alten Kasseler Grimm-Gesellschaft übergeben worden seien. Die Überlieferungsgeschichte ist im Detail rekonstruiert auf: http://www.grimmnetz.de/grimm-mow
HanauOnline hat geschrieben:Aloys Lenz: Eigentumsrechte an Märchen-Handexemplaren weiter unklar
Sonntag, 18. März 2007
Gutachten sollen Auskunft geben im Streit um Grimm-Exemplare


Hanau - Die Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes, haben weiterhin keinen eindeutigen Eigentümer. Wie der Hanauer CDU-Abgeordnete Aloys Lenz mitteilt, hätten auch die Antworten des Ministeriums für Kunst und Wissenschaft auf seine diesbezügliche Parlamentarische Anfrage keine eindeutige Auskunft erbracht. Der Abgeordnete hatte Ende vergangenen Jahren mit einer parlamentarischen Anfrage auf Pressemeldungen reagiert, nach denen der Geschäftsführer der Kasseler Brüder-Grimm-Gesellschaft das Eigentumsrecht an der mehrbändigen, mit Anmerkungen von der Hand der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm versehenen Märchenausgabe geltend gemacht habe.

Bis dahin habe die unschätzbar wertvolle Urschrift der Kinder- und Hausmärchen als eindeutiges Eigentum der Universitätsbibliothek in Kassel und damit des Landes Hessen gegolten. Nun erfuhr Lenz jedoch in der Antwort des Ministers für Wissenschaft und Kunst auf seine Anfrage, dass die Eigentumsrechte an den Handexemplaren nach gegenwärtigem Stand ungeklärt seien. Minister Corts habe mitgeteilt, dass die Prüfungen, die bereits beim Antrag auf Aufnahme der Arbeitsexemplare in das UNESCO-Weltdokumentenerbe im Jahr 2005 die Eigentumsfrage nicht eindeutig gewesen sei.. Seit Dezember 2006, so die weitere Auskunft des Ministers, prüfe das Rechtsamt der Stadt Kassel die Eigentumsfrage, jedoch habe sich das Ministerium entschieden, selbst auch ein Gutachten in Auftrag zu geben.

Wie Lenz erläutert, seien die Handexemplare im Jahr 1897 von Hermann Grimm, dem Sohn Wilhelms, zunächst der 1920 aufgelösten Brüder-Grimm-Gesellschaft übergeben und dann in den Bestand der städtischen Murhard‘schen Bibliothek in Kassel überführt worden. Diese wurde vor einigen Jahren mit der Hessischen Landesbibliothek Kassel zur Universitätsbibliothek in der Verantwortung des Landes Hessen zusammengeführt. Die Brüder-Grimm-Gesellschaft allerdings wurde 1940 neu gegründet und erhebt heute Ansprüche auf die neun Bände der Handexemplare. Auschlaggebend für die gegenwärtige Verwirrung um die Eigentumsrechte sei eben diese wechselvolle Geschichte der Bestände der Kasseler Bibliotheken, wie Lenz auch der Antwort des Ministers entnehmen konnte. Gegenwärtig befänden sich die Handexemplare im Kasseler Brüder-Grimm-Museum, welches von der Brüder-Grimm-Gesellschaft geführt werde.

Der Abgeordnete teilt die Auffassung des Ministers, dass eine schnelle Klärung der Eigentumsfrage unbedingt wünschenswert sei. Aloys Lenz: „Die Brüder Grimm und ihr Werk sind nicht nur ein Stück Hanauer und hessischer Identität, ihre Märchensammlung ist auch die kulturelle Botschaft Deutschlands an die Welt.“. Darüber hinaus, so zitiert Lenz Minister Corts abschließend, sei gerade im Hinblick auf die gesteigerte internationale Aufmerksamkeit durch die Aufnahme der Märchensammlung in das Weltdokumentenerbe, „eine zügige juristische Klärung der strittigen Fragen wünschenswert“. (Büro Aloys Lenz, MdL)
http://www.hanauonline.de/content/view/8764/2/
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"Raus aus dem Banktresor"

Beitragvon Berthold Friemel » Samstag, 24. November 2007, 11:30

Unter obiger Überschrift bringt die Kasseler HNA heute einen Fünfpunktevorschlag von Alan Kirkness und mir, wie man die seit einem Jahr öffentlich diskutierten Unstimmigkeiten um die Eigentums- und Besitzverhältnisse an Kasseler Grimm-Beständen, insbesondere den fünf Märchenbüchern des UNESCO-Weltdokumentenerbes (Memory of the World), überwinden könnte:
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Dieser Beitrag wurde vom Forumsadministrator im Hinblick auf die 2008 / 2009 stattgefundene juristische Auseinandersetzung um Äußerungen zu Zugangsverhältnissen für die Wissenschaft im Grimm-Museum Kassel teilweise unlesbar gemacht.
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