HNA zum Weltdokumentenerbe: "Doppelt falsch"

In Kassel gingen die Brüder Grimm zur Schule und legten ab 1805 die Grundlagen ihres wissenschaftlichen Werkes. 1897 und 1942 wurden in Kassel Grimm-Gesellschaften gegründet. Die Landesbibliothek baute eine große Grimm-Sammlung auf. An diese Tradition knüpfte man 1959 mit der Gründung des Brüder Grimm-Museums an. Es soll zu einer touristisch orientierten "Grimm-Welt" ausgebaut werden. Seit 2012 besteht an der Universität Kassel eine Professur zur Grimm-Forschung.

HNA zum Weltdokumentenerbe: "Doppelt falsch"

Beitragvon Bonoboche » Samstag, 18. November 2006, 0:52

Aus dem HNA-Forum kopiere ich den dort von "Grimmig" eingestellten Artikel des HNA-Kulturredakteurs Dirk Schwarze zum vermutlich unberechtigten Eigentumsanspruch der Brüder Grimm-Gesellschaft e. V. auf Handexemplare von Werken der Brüder Grimm:
Grimmig hat geschrieben:
HNA hat geschrieben:Streit um Welterbe
Vorwurf an Brüder Grimm-Gesellschaft: Falsche Zuschreibung
Von Dirk Schwarze

Kassel. In dem seit vorigem Jahr ausgetragenen Streit um die Brüder Grimm-Gesellschaft ist eine neue Runde eröffnet worden. Dabei geht es um die Frage, ob die Kasseler Handexemplare der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm-Gesellschaft gehören, wie diese behauptet, oder ob die Universitätsbibliothek als Nachfolgerin der Landesbibliothek Eigentümerin ist.
Für etliche Bücher und Schriften von und zu den Grimms sind die Eigentumsfragen deshalb schwer zu klären, weil die Geschäftsräume der Grimm-Gesellschaft in dem Gebäude der Murhardschen Bibliothek liegen, die heute mit dem Restbestand der Landesbibliothek zur Universitätsbibliothek gehört.
Sieben Wissenschaftler und Bibliothekare haben jetzt in einem gemeinsamen Schreiben an die Unesco erklärt, alle überlieferten Fakten sprächen gegen die Behauptung der Grimm-Gesellschaft, ihr gehörten die Bücher und sie allein verfüge über alle Urheberrechte. Dieser Anspruch führt dazu, dass Wissenschaftler nur unter erschwerten Bedingungen mit diesen Handexemplaren arbeiten können.

Unstimmigkeiten

An die Unesco haben sich die Wissenschaftler deshalb gewandt, weil die fünf Handexemplare von Jacob und Wilhelm Grimm im vorigen Jahr in das Weltdokumentenerbe (Memory of the World) der Unesco aufgenommen worden sind. In den Unterlagen fand der neuseeländische Grimm-Experte Alan Kirkness Unstimmigkeiten in der Begründung, warum die Handexemplare Eigentum der Brüder Grimm-Gesellschaft seien. Daraufhin untersuchten Wissenschaftler in Berlin und Kassel, hier waren es vor allem Dr. Axel Halle und Dr. Konrad Wiedemann von der Universitätsbibliothek, die Quellen und kamen zu eindeutigen Ergebnissen: Nach dem Tod von Hermann Grimm kamen die damals neun Bände der Handexemplare 1899 in den Besitz von Johannes Bolte in Berlin. Der übersandte sie 1932 der Landesbibliothek Kassel, der (und ihren Nachfolgeeinrichtungen) sie seitdem gehörten.
Nach Darstellung der Grimm-Gesellschaft sieht die Geschichte ganz anders aus: Hermann Grimm habe 1897 die Brüder Grimm-Gesellschaft mitbegründet. Von ihm habe die Gesellschaft die Handexemplare erhalten. Sie sei also seit über 100 Jahren Eigentümerin.

Doppelt falsch

Nach Einschätzung der Wissenschaftler ist diese Darstellung doppelt falsch. Erstens hätten sich, wie oben dargestellt, die Bände von 1899 bis 1932 in Berlin befunden. Zum zweiten sei die Grimm-Gesellschaft in ihrer heutigen Form erst 1942 gegründet worden. Die 1897 ins Leben gerufene Grimm-Gesellschaft sei mit der satzungsgemäßen Maßgabe 1920 aufgelöst worden, ihr Eigentum der Landesbibliothek zu übertragen.

Der Geschäftsführer der Grimm-Gesellschaft, Dr. Bernhard Lauer, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Der Präsident der Gesellschaft, Dieter Staubach, zeigte sich überrascht von dem Eigentumsstreit. Er will die Rechtsfrage prüfen lassen. Ihm liege aber nichts an einem Streit. Auf Anfrage meinte er: "Es ist mir eigentlich egal, wem die Bände gehören." Klar sei nur, dass sie nach Kassel gehörten und von allen genutzt werden könnten.

17.11.2006


Ich habe dazu unter Zitat eines anderen heutigen Beitrags von "Grimmig" kommentiert:

Der bündige Artikel Dirk Schwarzes http://www.hna.de/kasselstart/00_200611 ... terbe.html kristallisiert heraus, wie berechtigt die heutigen Anmerkungen des Herrn Grimmig sind. "Doppelt falsch". Wie kam es dazu? Weiß der Geschäftsführer nicht, wann seine Gesellschaft gegründet wurde? Hat er keine Ahnung, wann und wie die Bücher, die er auf Ausstellungen zeigt und zu denen er einen Antrag an die UNESCO stellt, wirklich nach Kassel gelangt sind? Wie kommt er zu seiner an die UNESCO gerichteten Version, daß die Bücher seit 1897 der Brüder Grimm-Gesellschaft e. V. gehören? Hatte er Kenntnis von der wirklichen Aktenlage und verschwieg etwas, oder hat er einfach eine Geschichte erfunden, die ihm taktisch gefiel? Beides wäre eine Fälschung. Vermutlich ist es eine Mischung von beidem. Vieles deutet jedenfalls auf Verfälschung zum Vorteil eines eingetragenen Vereins, dessen ehrenamtlicher Geschäftsführer er ist, und den Versuch einer Entfremdung bedeutender Vermögenswerte aus der öffentlichen Hand, die sein Arbeitgeber ist.
Grimmig hat geschrieben:Geschichtsklitterung ist die eine Sache. Aber wozu dient diese Geschichtsklitterung? Es ist schlichter Betrug, vorsätzlich. Dazu sagt das StGB:
§ 263
Betrug
(1) Wer in der Absicht, sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, das Vermögen eines anderen dadurch beschädigt, daß er durch Vorspiegelung falscher oder durch Entstellung oder Unterdrückung wahrer Tatsachen einen Irrtum erregt oder unterhält, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Der Versuch ist strafbar.
(3) In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn der Täter
...
4. seine Befugnisse oder seine Stellung als Amtsträger mißbraucht oder
...
Und vielleicht liegt auch noch § 267 (Urkundenfälschung) vor.
Meines Erachtens erfüllt Lauers Verhalten definitiv einen Straftatbestand. Die Strafverfolgungsbehörde müsste somit einschreiten. Der Dienstherr - wie man dem Beitrag entnehmen kann - ist ja verständigt und muss melden.
Bonoboche
 
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